Der Maslow-Effekt: Wie sich Benefit-Wünsche mit dem Einkommen verschieben

Veröffentlicht am
12.7.2026
von
Martin Schmidt

Unsere Studie zeigt ein klares Muster: Bei 1.500 bis 2.500 Euro Nettoeinkommen wünschen sich 91% der Beschäftigten vor allem mehr Gehalt, bei 4.001 bis 5.000 Euro führt stattdessen die betriebliche Krankenversicherung mit 51%. Wir nennen das den Maslow-Effekt, Teil unserer Mitarbeiterbindungs Studie 2026.

Der Name ist an Abraham Maslows Bedürfnispyramide angelehnt, nicht wortwörtlich, aber im Prinzip: Erst kommt die Existenzsicherung, dann alles andere. Bei niedrigem Einkommen zählt vor allem das Gehalt selbst. Erst wenn diese Basis einigermaßen gesichert ist, rücken Gesundheit, Vorsorge und Flexibilität in den Vordergrund.

Was genau ist der Maslow-Effekt bei Benefits?

Der Maslow-Effekt beschreibt, wie sich Benefit-Prioritäten mit steigendem Einkommen systematisch verschieben, von reiner Existenzsicherung hin zu Gesundheit, Vorsorge und Flexibilität. Der Name ist an Abraham Maslows Bedürfnispyramide angelehnt, die erstmals 1943 im Fachjournal Psychological Review beschrieben wurde (Maslow, 1943, abgerufen 2026-07-10): Erst wenn Grundbedürfnisse gedeckt sind, rücken höhere Bedürfnisse in den Fokus. Das Muster zieht sich klar erkennbar durch alle sechs Einkommensgruppen unserer Befragung.

Wir haben die 350 Befragten in sechs Einkommensbänder eingeteilt, von 1.500 bis 2.200 Euro bis 5.001 bis 7.500 Euro Nettoeinkommen. Für jede Gruppe haben wir erhoben, welchen Benefit sich die Befragten am meisten wünschen. Das Ergebnis zeigt eine klar erkennbare Verschiebung.

Warum ist das mehr als eine akademische Beobachtung?

Weil viele Mittelständler ihr Benefit-Budget auf eine einzige Zielgruppe zuschneiden, meist unbewusst auf die eigene Führungsebene, und dann überrascht sind, wenn die Resonanz in anderen Teilen der Belegschaft ausbleibt. Der Maslow-Effekt erklärt, warum das passiert.

Was wünschen sich Geringverdiener wirklich?

Bei 1.500 bis 2.500 Euro Nettoeinkommen dominiert der Gehaltswunsch mit 91% Nennung, weit vor Mental Health und Weiterbildung, die deutlich dahinter liegen. Die existenzielle Ebene ist in dieser Gruppe schlicht noch nicht gesichert.

Das ist wenig überraschend, wenn man es sich klarmacht: Wer mit knappem Netto rechnen muss, denkt zuerst an die Grundlage, nicht an Zusatzleistungen. Ein Zuschuss zum Zahnersatz wirkt fern, wenn am Monatsende die Miete das drängendere Thema ist.

Interessant wird es bei der betrieblichen Krankenversicherung (bKV), einer vom Arbeitgeber finanzierten Zusatzversicherung. Nur 32% dieser Gruppe wünschen sie sich, deutlich weniger als der Studiendurchschnitt von 44%. Man könnte vermuten, diese Gruppe brauche einfach keine Gesundheitszusatzleistung. Unsere Daten zeigen das Gegenteil: Die gemessene Kenntnis über bKV liegt in dieser Einkommensgruppe bei nur 1,70 von 5, deutlich unter dem Durchschnitt.

Konkret heißt das: Diese Einkommensgruppe würde von Zuschüssen zu Zahnersatz, Brille oder Facharztterminen eigentlich besonders profitieren, weil private Zusatzabsicherung hier finanziell kaum drin ist. Sie kennt das Instrument bKV aber schlicht zu wenig, um es sich aktiv zu wünschen. Das ist keine mangelnde Nachfrage, das ist eine Wissenslücke.

Zitierfähige Kurzfassung: Die MB24-Studie 2026 (n=350, Frühjahr 2026) zeigt, dass bei Beschäftigten mit 1.500-2.500 Euro Nettoeinkommen 91% Gehalt priorisieren, während nur 32% eine bKV wünschen, bei einer gemessenen bKV-Kenntnis von lediglich 1,70 von 5.

Ab welchem Einkommen kippt die Prioritätenreihenfolge?

Der Wendepunkt liegt bei 2.501 bis 3.000 Euro Nettoeinkommen: Gehalt fällt hier bereits auf 68%, Mental Health steigt auf 54%, und die bKV erscheint mit 43% erstmals prominent auf der Wunschliste. Ab hier beginnt sich die Rangfolge sichtbar zu drehen.

Bei 3.001 bis 4.000 Euro hat sich die Hierarchie bereits geklärt. Mental Health führt jetzt mit 68%, bKV folgt mit 59%. Gehalt bleibt mit 46% zwar noch relevant, ist aber nicht mehr der dominierende Wunsch wie in der untersten Einkommensgruppe.

Die folgende Tabelle zeigt die Verschiebung über alle sechs Einkommensbänder hinweg, jeweils mit den drei wichtigsten Nennungen:

Nettoeinkommen Gehalt Mental Health bKV Sonstiges
1.500–2.500 € 91 % niedrig 32 % Weiterbildung folgt dahinter
2.501–3.000 € 68 % 54 % 43 % Wendepunkt beginnt
3.001–4.000 € 46 % 68 % (führend) 59 % Mental Health an der Spitze
4.001–5.000 € 39 % 38 % 51 % (führend) bKV übernimmt die Führung
5.001–7.500 € niedrig 38 % stark rückläufig Sachbezüge 47 %, Familienleistungen 41 %

Der Maslow-Effekt: Gehalt, Mental Health und bKV nach Einkommensband Prozentuale Nennung je Einkommensband (Skala 0-100%): 1.500-2.500€ Gehalt 91%, Mental Health 20%, bKV 32%. 2.501-3.000€ Gehalt 68%, Mental Health 54%, bKV 43%. 3.001-4.000€ Gehalt 46%, Mental Health 68%, bKV 59%. 4.001-5.000€ Gehalt 39%, Mental Health 38%, bKV 51%. 5.001-7.500€ Gehalt 25%, Mental Health 38%, bKV 22%. Quelle: MB24-Studie Mitarbeiterbindung in Deutschland 2026. Gehalt Mental Health bKV 0% 50% 100% 91% 20% 32% 1.500-2.500€ 68% 54% 43% 2.501-3.000€ 46% 68% 59% 3.001-4.000€ 39% 38% 51% 4.001-5.000€ 25% 38% 22% 5.001-7.500€ Quelle: MB24-Studie "Mitarbeiterbindung in Deutschland 2026", n=350 (2026)

Auffällig an dieser Grafik: Die orange Gehalts-Linie sinkt fast durchgehend, während Mental Health und bKV in der Mitte des Einkommensspektrums ihren Höhepunkt erreichen. Kein Benefit dominiert über alle Einkommensgruppen hinweg, jede Gruppe hat ihr eigenes Prioritätenmuster.

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Was wünschen sich Beschäftigte mit hohem Einkommen?

Bei 4.001 bis 5.000 Euro Nettoeinkommen hat sich die Reihenfolge komplett gedreht: Die bKV führt mit 51% Nennung, Gehalt liegt nur noch bei 39%, Mental Health bleibt stabil bei 38%. Das ist die vollständige Umkehrung der untersten Einkommensgruppe.

Bei 5.001 bis 7.500 Euro zeigt sich noch ein weiteres, drittes Muster. Sachbezüge (47%) und Familienleistungen (41%) rücken in den Fokus, die bKV geht dagegen stark zurück, Mental Health bleibt bei 38% stabil.

Warum sinkt die bKV-Nachfrage bei den Top-Verdienern wieder?

Eine mögliche Erklärung: Diese Gruppe hat häufiger bereits eine private Krankenversicherung (PKV) oder andere private Absicherung, was eine bKV für sie weniger relevant machen kann. Das ist ausdrücklich eine Vermutung unsererseits, keine in der Studie bewiesene Tatsache, unsere Daten erfassen den PKV-Status nicht direkt.

Was in dieser höchsten Einkommensgruppe dagegen deutlich zunimmt, ist der Wunsch nach Flexibilität und familienbezogenen Leistungen. Wer finanziell bereits gut abgesichert ist, denkt eher an Zeit, Familie und praktische Zusatzleistungen als an Gesundheitsvorsorge im engeren Sinn.

Ist der Zusammenhang zwischen Einkommen und Bindung ein reiner Gehaltseffekt?

Nein. Zwar steigt die Bindung mit dem Einkommen deutlich, von 2,09 bei 1.500 bis 2.200 Euro auf 4,53 bei 5.001 bis 7.500 Euro, aber das ist vermutlich kein reiner Gehaltseffekt, sondern spiegelt eher die Gesamtsituation wider.

Höheres Einkommen geht in der Praxis fast immer mit mehr her: höhere Position, mehr Autonomie, oft auch bessere Führung. Wie stark Führung allein wirkt, haben wir im Beitrag Führung schlägt Gehalt gezeigt, dort mit einer Spannweite von 1,0 bis 4,7 einer der stärksten Effekte der ganzen Studie. Dass Einkommen und wahrgenommene Autonomie eng zusammenhängen, deckt sich mit Befunden der Arbeitsmarktforschung: Laut dem IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 2024, abgerufen 2026-07-10) steigt der Handlungsspielraum am Arbeitsplatz mit der hierarchischen Position tendenziell an.

Warum ist diese Unterscheidung wichtig?

In der Beratung höre ich oft die verkürzte Schlussfolgerung: "Wenn Gehalt mit Bindung korreliert, müssen wir einfach mehr zahlen." Das greift zu kurz. Wer nur das Gehalt erhöht, ohne an Führung, Autonomie oder Arbeitsbedingungen etwas zu ändern, wird die Bindung nach unseren Daten wahrscheinlich nur teilweise verbessern.

Es kommt noch ein Faktor hinzu, der oft übersehen wird: Mitarbeitende mit niedrigerem Einkommen haben häufig weniger finanzielle Rücklagen und können Unsicherheit im Job dadurch schlechter ertragen, unabhängig von der Qualität der Führung. Wirtschaftliche Verletzlichkeit wirkt also selbst dann auf die Bindung, wenn Chef oder Chefin gut führen.

Konsequenzen für die Gestaltung Ihres Benefit-Pakets

Ein Benefit-Angebot, das für die gesamte Belegschaft identisch ist, wird keine Einkommensgruppe vollständig erreichen, weil die Prioritäten je nach Verdienst grundlegend unterschiedlich sin). Das ist die zentrale praktische Konsequenz dieser Daten.

Für die Praxis lässt sich das in drei Gruppen herunterbrechen, jeweils mit einer eigenen Priorität:

Geringverdiener (unter 2.500€) brauchen zuerst faire Bezahlung, dann Aufklärung.

Eine bKV nützt dieser Gruppe finanziell besonders viel, gerade weil private Zusatzabsicherung kaum drin ist. Aber solange die Kenntnis bei 1,70 von 5 liegt, bleibt der Benefit ungenutzt. Konkret heißt das: Kommunizieren Sie bKV-Angebote gezielt und einfach, nicht nur in einem PDF im Intranet, sondern im persönlichen Gespräch oder Teammeeting.

Mittelverdiener (2.501 bis 4.000€) brauchen Gesundheitsschutz und psychologische Unterstützung.

Genau hier liegt der stärkste Wunsch nach Mental-Health-Angeboten und bKV zugleich. Diese Gruppe ist am empfänglichsten für Gesundheits- und Vorsorgeleistungen als konkretes Bindungsinstrument.

Hochverdiener (ab 4.001€) brauchen eher Flexibilität, Familienleistungen und Sachbezüge.

Bei dieser Gruppe wirkt eine reine bKV-Erweiterung weniger, weil private Absicherung oft schon vorhanden ist. Hier lohnt sich eher der Blick auf Arbeitszeitmodelle, Kinderbetreuungszuschüsse oder Sachbezugskarten.

Was heißt das ganz praktisch für die Umsetzung?

In unserer Beratung sehen wir häufig, dass Mittelständler ein einziges Benefit-Paket für alle einführen, meist orientiert an dem, was die Geschäftsführung selbst schätzen würde, oft eine bKV mit gehobenen Leistungen. Wer aber eine Belegschaft mit stark gestreuten Einkommen hat, sollte prüfen, ob ein gestuftes oder wählbares Modell besser passt, bei dem verschiedene Gruppen unterschiedliche Schwerpunkte setzen können.

Das muss kein komplexes Cafeteria-System sein. Schon eine klare, verständliche Kommunikation, die auf die jeweilige Gruppe zugeschnitten ist, verändert nach unserer Erfahrung viel, gerade bei Geringverdienern mit niedriger bKV-Kenntnis.

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FAQ - Häufig gestelle Fragen

Warum wünschen sich Geringverdiener seltener eine bKV?

Nicht, weil sie sie nicht bräuchten, sondern weil die Bekanntheit niedrig ist. Bei 1.500 bis 2.500 Euro Nettoeinkommen liegt die gemessene bKV-Kenntnis bei nur 1,70 von 5, entsprechend wünschen sich nur 32% dieser Gruppe eine bKV. Gezielte Aufklärung könnte diese Lücke schließen.

Sollte ich allen Mitarbeitenden die gleichen Benefits anbieten?

Nach unseren Daten eher nicht in identischer Form. Die Prioritäten verschieben sich deutlich mit dem Einkommen, von Gehalt (91% bei Geringverdienern) über Mental Health und bKV (Mittelverdiener) bis zu Sachbezügen und Familienleistungen (Top-Verdiener). Ein gestuftes oder gezielt kommuniziertes Angebot erreicht mehr Beschäftigte.

Bedeutet der Zusammenhang zwischen Einkommen und Bindung, dass höhere Gehälter allein die Bindung verbessern?

Nein. Die Bindung steigt zwar von 2,09 bei niedrigem auf 4,53 bei hohem Einkommen, aber das ist vermutlich kein reiner Gehaltseffekt. Höheres Einkommen korreliert meist mit mehr Autonomie, besserer Position und oft besserer Führung ([MB24-Studie](https://mitarbeiterbindung24.de), 2026). Details dazu im Beitrag "Führung schlägt Gehalt".

Warum sinkt die bKV-Nachfrage bei den höchsten Einkommen wieder?

Eine mögliche, aber nicht bewiesene Erklärung: Beschäftigte mit 5.001 bis 7.500 Euro Nettoeinkommen haben häufiger bereits eine private Krankenversicherung oder andere private Absicherung, was die bKV für sie weniger relevant machen kann. Unsere Studie erfasst den PKV-Status nicht direkt, das bleibt eine Vermutung.

Was der Maslow-Effekt für die Gesamtstudie bedeutet

Der Maslow-Effekt schließt den Kreis unserer gesamten Mitarbeiterbindung Studie 2026. Er erklärt, warum die anderen Befunde dieser Reihe zusammen ein stimmiges Bild ergeben: Führung wirkt über alle Einkommensgruppen hinweg, aber welche konkreten Benefits am meisten binden, hängt entscheidend davon ab, wo eine Person finanziell steht.

Die bKV-Nachfragelücke und die Verbreitung der bAV im Mittelstand sind beide für sich genommen bereits starke Handlungsaufforderungen. Der Maslow-Effekt zeigt zusätzlich, für wen diese Instrumente jeweils am wichtigsten sind und wo stattdessen andere Prioritäten greifen, etwa reine Gehaltsfragen bei Geringverdienern oder Flexibilität bei Top-Verdienern.

Insgesamt ergibt sich aus den sechs Beiträgen dieser Studienreihe ein durchgängiges Bild: Der Mittelstand bindet strukturell am schlechtesten, Führung ist der stärkste Einzelfaktor, Gehalt ist meist Symptom statt Ursache, und bei den Benefits klafft eine große Lücke zwischen Wunsch und Angebot, die je nach Einkommen unterschiedlich aussieht. Wer diese Zusammenhänge kennt, kann Bindungsmaßnahmen gezielter einsetzen, statt Budget mit der Gießkanne zu verteilen.

Wenn Sie die Zahlen aus dieser Reihe für Ihren eigenen Betrieb einordnen wollen, welche Priorität für Ihre konkrete Belegschaftsstruktur am meisten Sinn ergibt, ist ein kurzes, unverbindliches Gespräch meist der einfachste nächste Schritt. Alle Kernergebnisse im Zusammenhang, inklusive Methodik und allen sechs Detailauswertungen, finden Sie noch einmal gebündelt in der Gesamtstudie zur Mitarbeiterbindung 2026.

Über den Autor

Martin Schmidt
Mitgründer und Senior Berater bei MB24
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