Wenn bei Ihnen jemand kündigt und im Austrittsgespräch "mehr Gehalt anderswo" sagt, glauben Sie es nicht sofort. Nach unserer Studie mit 350 Beschäftigten aus 13 Branchen ist Gehalt selten der eigentliche Grund. Es ist die höflichste Antwort, die niemandem wehtut.
In über zehn Jahren Beratung habe ich das Muster immer wieder gesehen: Der Kündigungsgrund im Gespräch war das Gehalt. Der wahre Grund kam erst raus, wenn der Mitarbeitende schon beim neuen Arbeitgeber war und offener redete. Meistens ging es um die Führungskraft, um fehlende Wertschätzung oder um Benefits, die einfach nie kamen.
Deshalb haben wir bei MB24 im Frühjahr 2026 eine eigene Studie gemacht: "Mitarbeiterbindung in Deutschland 2026". 350 Beschäftigte, 13 Branchen, Unternehmensgrößen von 1 bis über 10.000 Mitarbeitenden, Schwerpunkt auf dem Mittelstand zwischen 50 und 1.000. Das Ergebnis erklärt, warum so viele Bindungsmaßnahmen ins Leere laufen, und was stattdessen wirkt.
Die vollständige Methodik unserer Studie haben wir in einem eigenen Beitrag erklärt.
Was zeigt unsere Mitarbeiterbindung-Studie 2026 auf einen Blick?
Unsere Studie mit 350 Beschäftigten aus 13 Branchen zeigt fünf zentrale Muster: eine Bindungslücke im Mittelstand, Gehalt als Symptom statt Ursache, Führung als stärksten Einzelfaktor, eine große unerfüllte Nachfrage nach Gesundheits- und Vorsorge-Benefits, und eine messbare Lücke bei bKV und bAV.
Diese fünf Erkenntnisse bilden das Rückgrat dieses Artikels. Jede bekommt weiter unten einen eigenen Abschnitt mit den Zahlen dahinter. Wer tiefer einsteigen will, findet zu jedem Thema einen eigenen Beitrag in unserer Studienreihe, verlinkt am Ende des jeweiligen Abschnitts.
Zitierfähige Kurzfassung: Die MB24-Studie 2026 (n=350, 13 Branchen, Frühjahr 2026) zeigt, dass emotionale Mitarbeiterbindung im deutschen Mittelstand (51–500 Mitarbeitende) mit 2,41–2,56 von 5 Punkten niedriger ausfällt als in Kleinbetrieben (3,43) und Großkonzernen (3,71).
Bevor wir in die Details gehen, kurz zur Methode: Wir haben im Frühjahr 2026 einen Online-Fragebogen an 350 Beschäftigte in Deutschland ausgespielt, quer über 13 Branchen und alle Unternehmensgrößen, mit Schwerpunkt auf Betrieben zwischen 50 und 1.000 Mitarbeitenden. Das ist unser eigener, direkter Kernmarkt bei MB24. Die vollständige Methodik, inklusive Fragebogen-Aufbau und statistischer Verfahren, steht im Methodik-Beitrag zur Studie.
Wichtig für die Einordnung: Es ist eine Momentaufnahme aus dem Frühjahr 2026, keine Langzeitbeobachtung. Die Angaben stammen aus Selbstauskunft der Befragten, nicht aus HR-Systemdaten. Und die Zusammenhänge, die wir zeigen, sind Korrelationen, keine bewiesenen Ursache-Wirkung-Ketten. Wo das für ein Ergebnis besonders wichtig ist, weise ich unten noch mal gesondert darauf hin.
Der Mittelstand bindet schlechter als Kleinbetriebe und Großkonzerne
Unternehmen mit 51 bis 500 Mitarbeitenden erreichen in unserer Studie die niedrigsten Bindungswerte aller Größenklassen: 2,41 bei 51–200 Mitarbeitenden und 2,56 bei 201–500, auf einer Skala von 1 bis 5. Kleinbetriebe und Großkonzerne binden deutlich besser.
Die Zahlen zeichnen eine U-Kurve. Kleinstbetriebe mit bis zu 50 Mitarbeitenden liegen bei 3,43. Dann fällt die Bindung im Kernmittelstand ab: 2,41 bei 51–200, leicht erholt auf 2,56 bei 201–500. Ab 501–1.000 Mitarbeitenden steigt sie wieder auf 2,90, bei 1.001–5.000 auf 3,27, und bei über 5.000 Mitarbeitenden erreicht sie mit 3,71 den höchsten Wert der ganzen Studie.
Warum ist das so?
In der Beratung sehe ich dafür eine plausible Erklärung, auch wenn unsere Studie das nicht kausal beweisen kann: Kleinbetriebe haben oft familiäre, persönliche Führung, der Chef kennt jeden Namen. Großkonzerne haben professionalisierte HR-Abteilungen mit strukturierten Benefit-Programmen und Weiterentwicklungsinitiativen. Der Mittelstand fällt oft zwischen beide Stühle: zu groß für die persönliche Nähe von früher, zu klein für eine eigene HR-Abteilung mit Budget für Zusatzleistungen.
Das erklärt auch, warum gerade Handwerksbetriebe und Gastronomiebetriebe, die oft in dieser Größenklasse liegen, in unserer Beratung häufig überrascht sind, wie groß die Lücke zu größeren Wettbewerbern bereits ist.
Praktische Bedeutung
Wenn Ihr Betrieb zwischen 50 und 500 Mitarbeitenden hat, gehören Sie statistisch zur Gruppe mit dem größten Bindungsproblem. Das ist kein Grund zur Panik, aber ein guter Grund, jetzt genauer hinzuschauen. Die vollständige Analyse der Größenklassen-Lücke, inklusive Branchenvergleich, lesen Sie im Beitrag zur Mittelstandslücke.
Warum Kündigung selten wirklich am Gehalt liegt
Unter schwach gebundenen Mitarbeitenden nennen 38% Gehalt als möglichen Kündigungsgrund, unter stark gebundenen nur 8%. Gehalt ist damit eher ein Symptom mangelnder Bindung als deren Ursache.
Diese Zahl ist einer der wichtigsten Befunde der ganzen Studie. Wäre Gehalt die eigentliche Ursache für Kündigungen, müsste der Unterschied zwischen gut und schlecht gebundenen Mitarbeitenden kleiner sein, denn Gehalt betrifft ja im Prinzip alle gleich. Stattdessen ist der Unterschied fast fünffach.
Was heißt das konkret?
Wer sich in seinem Job wohlfühlt, gut geführt wird und Wertschätzung erlebt, denkt seltener übers Gehalt nach. Wer unzufrieden ist, sucht nach einem Grund, der leicht zu erklären ist. Und "das Gehalt passt einfach nicht mehr" ist gesellschaftlich akzeptierter als "meine Führungskraft ignoriert mich" oder "ich fühle mich hier nicht sicher".
Ich habe das in Kündigungsgesprächen selbst oft erlebt, bevor ich MB24 gegründet habe: Der offizielle Grund war fast immer Geld. Der eigentliche Grund kam meistens erst später ans Licht, wenn schon nichts mehr zu retten war.
Das bedeutet ganz und gar nicht, dass Gehalt egal ist. Es bedeutet, dass eine reine Gehaltserhöhung als Reaktion auf Kündigungen oft das falsche Mittel gegen das falsche Symptom ist. Wenn die Bindung insgesamt schwach ist, wird eine höhere Zahl auf dem Gehaltszettel das grundlegende Problem selten lösen.
Die detaillierte Auswertung dazu, was Gehalt wirklich mit Bindung zu tun hat, lesen Sie in unserem Beitrag zur Führung als stärkstem Bindungsfaktor, gleich im nächsten Abschnitt.




